
Warum manche Kunst schwer zugänglich sein darf
- asaldingerkarger
- 31. Mai
- 2 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 2 Tagen
Vor einiger Zeit besuchte ein Journalist eine Ausstellung an der ich an den Tagen der offenen Ateliers teilnahm. Er betrachtete lange eine neue Arbeit – eine dichte, fast monolithische Fläche aus Marmormehl, die ich über Wochen hinweg Schicht für Schicht aufgebaut, wieder abgekratzt und neu verdichtet hatte. Später schrieb er in seinem Artikel einen Satz, der mich seitdem begleitet: Meine Kunst sei „schwer zugänglich und rege zum Nachdenken an“.
Im ersten Moment stutzt man natürlich, wenn man das über die eigene Arbeit liest. „Schwer zugänglich“ – das klingt im Zeitalter von Instant-Konstruktionen, schnellen visuellen Kicks und Algorithmen, die uns in Sekundenschnelle gefallen wollen, fast wie ein Makel. Doch je länger ich darüber nachdachte, desto mehr spürte ich: Es ist eigentlich das größte Kompliment, das man dieser Art von Malerei machen kann. Denn warum muss Kunst eigentlich immer sofort zugänglich sein?

Das Diktat der schnellen Erklärung
Wir haben uns daran gewöhnt, dass alles eine sofortige Pointe braucht. Ein Bild wird im Vorbeigehen gescannt, das Auge sucht nach bekannten Formen, das Gehirn hakt es ab: „Ein Baum. Ein Gesicht. Ein Sonnenuntergang.“ Fertig. Die Erleichterung der schnellen Erkennbarkeit nimmt uns das genaue Hinsehen ab.
Wenn man ohne Skizze arbeitet, so wie ich, und sich ganz auf das unvorhersehbare Verhalten von Marmormehl, Pigmenten und Trocknungsprozessen einlässt, entsteht etwas anderes. Es entsteht ein Bild, das sich einer schnellen Kategorisierung verweigert. Es stellt sich quer. Es liefert keine fertige Story und kein plakatives Motiv, das man beim ersten Kaffee konsumieren kann. Und genau hier beginnt die Freiheit.
Das Geheimnis des zweiten Blickes
Wenn ein Kunstwerk nicht sofort sein ganzes Geheimnis preisgibt, zwingt es uns zur Verlangsamung. Man muss davor stehenbleiben. Man muss den Blick wandern lassen über die feinen Brüche im Kalk, über die Stellen, an denen das Pigment tief in den Poren sitzt, und jene, wo die Oberfläche bin rau und ungeschliffen geblieben ist. Das Bild gibt seine Tiefe erst beim zweiten, dritten oder zehnten Hinsehen preis – oft auch erst, wenn sich das Licht im Raum im Laufe des Tages verändert. Es fordert keine intellektuelle Höchstleistung, sondern schlichtweg Präsenz. Es darf schwer zugänglich sein, weil es kein Konsumgut ist, sondern ein Gegenüber. Ein Resonanzraum, der darauf wartet, dass der Betrachter seine eigenen Assoziationen, seine eigene Stille und seine eigenen Fragen darin mitbringt.
Ein Plädoyer für den Widerstand im Bild
Ich glaube, wir brauchen diese Orte, die sich nicht sofort erklären. Sie sind wie ein Schutzraum vor der Eindeutigkeit der restlichen Welt. Wenn ein Werk eine gewisse Sperrigkeit behält, bewahrt es sich seine Würde. Es biedert sich nicht an. Der Pressekommentar hat mich darin bestärkt, diesen Weg der radikalen Reduktion noch konsequenter zu gehen. Kunst darf Fragen offenlassen. Sie darf ein Geheimnis bleiben. Denn die Dinge, die uns am tiefsten berühren, sind selten die, die uns sofort ins Auge springen – sondern die, die uns langsam und leise einholen.
Den vollständigen Presseartikel und weitere Berichte zu den Ausstellungen der letzten Jahre habe ich übrigens auf einer eigenen Seite gesammelt. Wer tiefer in die mediale Rezeption und die Dokumentation der vergangenen Ausstellungen eintauchen möchte, findet hier den Raum dafür:


