Was verschwinden muss, damit ein Bild entstehen kann.
Aktualisiert: 10. Okt.
Was mich 30 Jahre Malerei über das Werden und Vergehen gelehrt haben
Manchmal steht man lange vor einem Bild, ohne etwas zu tun. Der Pinsel liegt noch in der Hand, die Farbe ist frisch, und durch das Fenster fällt ein anderes Licht als noch vor einer Stunde. Auf der Leinwand gibt es diese Stelle, die plötzlich genau richtig scheint. Eine Farbe liegt stimmig neben der anderen, eine raue Spur fängt das Licht auf, und für einen Moment scheint nichts mehr zu fehlen.
Man möchte das Bild am liebsten so lassen, und trotzdem bleibt da dieses leise Gefühl, dass es möglicherweise doch noch nicht ganz fertig ist. Vielleicht braucht es mehr Ruhe? Vielleicht fehlt es an Tiefe oder Spannung? Manchmal bedeutet der nächste Schritt, ausgerechnet das wieder anzutasten, was einem gerade besonders gut gefällt.
Das ist nicht immer leicht. Nach dreißig Jahren Malerei kenne ich diesen Moment gut. Ich habe gelernt, eine gelungene Stelle zu übermalen, eine Struktur wieder aufzubrechen oder eine Schicht Spachtelmase darüberzulegen, ohne sofort das Gefühl zu haben, dass etwas verloren gegangen ist. Früher hätte ich länger gezögert. Heute lasse ich mich darauf ein und schaue, was daraus entsteht. Denn ein Bild entwickelt sich oft gerade dann weiter, wenn man bereit ist, etwas wieder loszulassen.
Wenn ein Kunstwerk seinen eigenen Weg geht
Im Malprozess entsteht ein Werk selten so, wie ich es mir am Anfang vorgestellt habe. Meist beginnt es mit einer Farbe, einer Oberfläche oder einer bestimmten Stimmung. Dann kommt eine weitere Schicht dazu, etwas wird dichter, eine Form zeichnet sich ab und wird vielleicht später wieder verändert.
Manchmal gefällt mir eine Stelle sehr gut und ich lasse sie zunächst stehen. Während ich an einer anderen Fläche weiterarbeite, verändert sich aber mein Blick auf das Ganze. Irgendwann merke ich, dass diese schöne Stelle nicht mehr in das Bild passt. Dann lasse ich sie gehen und übermale sie mit Spachtelmasse oder einer neuen Farbschicht. Manchmal übermale ich sie ganz, oder auch nur teilweise.
Gerade dieses Hin und Her gehört für mich zum Malprozess dazu. Etwas entsteht und wird wieder verändert, eine Spur kommt hinzu und wird später leiser, eine Oberfläche wird rau und bekommt irgendwann wieder eine andere Struktur. Vieles bleibt in Bewegung, solange das Bild nicht fertig ist. Es ist kein gerader Weg, und vielleicht muss er das auch gar nicht sein.
Die Spuren bleiben
Wenn ich eine alte Farbschicht übermale, ist sie nicht einfach verschwunden. Manchmal schaut sie an einer kleinen Stelle wieder hervor, manchmal verändert sich nur die Farbe, die darüberliegt, und manchmal ist sie kaum noch zu erkennen. Trotzdem bleibt etwas von ihr in der Oberfläche zurück.
Genau das fasziniert mich. Unter einer neuen Schicht bleibt etwas von dem, was vorher da war, auch wenn man es nicht mehr unmittelbar sehen kann. Eine kleine Unebenheit, eine Veränderung im Farbton oder eine Spur im Material erinnert daran, dass die Oberfläche schon einmal anders ausgesehen hat.
Vielleicht entsteht dadurch eine Tiefe, die sich nicht einfach herstellen lässt, indem man immer mehr hinzufügt. Sie entsteht mit der Zeit, durch Schichten, Veränderungen und durch Dinge, die wieder verschwinden und trotzdem Spuren hinterlassen.
Auf einer Leinwand kann man sehen, dass etwas schon einmal anders war.
Ich mag diese Spuren, weil sie daran erinnern, dass ein Bild nicht auf einmal entsteht. Es hat einen Weg hinter sich, und dieser Weg bleibt manchmal sichtbar, manchmal nur als Ahnung unter der Oberfläche.
Der Herbst im Atelier
Im Herbst fällt mir dieses Werden und Vergehen besonders auf. Draußen verändert sich das Licht, die Farben werden stiller, und auf den Wegen liegen Blätter, manche noch leuchtend, andere bereits braun und trocken. Die Natur zieht sich langsam zurück, ohne dass dabei wirklich etwas verschwindet. Auch in mir verändert sich in dieser Zeit etwas.
Ich greife häufiger zu Erdtönen und gedämpften Farben, arbeite mit Spachtelmasse, Netzen und Schichten, die eine raue, fast körperliche Oberfläche entstehen lassen. Vielleicht liegt es am Licht dieser Jahreszeit, vielleicht auch daran, dass man im Herbst selbst genauer hinsieht.
Eine Oberfläche bekommt plötzlich mehr Bedeutung. Eine kleine Farbverschiebung fällt auf. Unter einer neuen Schicht bleibt etwas sichtbar, das man beim ersten Blick gar nicht bemerkt hat. Solche Dinge beschäftigen mich beim Arbeiten und fließen in jedes einzelne Werk ein.
Es bildet einen Resonanzraum.
Etwas loslassen, ohne es zu verlieren
In meinen ersten Jahren war es schwer für mich, etwas Gelungenes wieder zu zerstören. Wenn eine Form einmal da war, wollte ich sie behalten, denn ich wusste nicht, ob ich sie später noch einmal so hinbekommen würde, oder ob das Bild ohne sie existieren könnte.
Mit der Zeit hat sich dieser Blick jedoch verändert.
Nicht, weil es heute immer leicht wäre, etwas loszulassen, sondern weil ich gelernt habe, dass ein Bild nicht dadurch besser wird, dass man alles bewahrt, was irgendwann einmal funktioniert hat. Manchmal muss gerade eine gute Stelle verschwinden, damit an ihrer Stelle etwas anderes entstehen kann.
Im künstlerischen Prozess ist das oft ein ziemlich unsicherer Moment. Man steht vor einer Fläche, die eigentlich schön ist, und weiß gleichzeitig, dass sie so nicht bleiben kann. Dann beginnt man, vorsichtig etwas davon wegzunehmen und das Werk zu verändern. Man weiß vorher nicht genau, was danach kommt. Vielleicht wird es besser, oder wieder schwieriger.
Dann muss man wieder schauen und weiterarbeiten.
Was bleibt, wenn etwas verschwindet?
Möglicherweise ist das eine der wichtigsten Erfahrungen, die mir die Malerei in all den Jahren gegeben hat: Nicht alles, was verschwindet, ist verloren.
Eine Farbe, die übermalt wurde, kann später an einer anderen Stelle wieder auftauchen. Eine Struktur, die abgetragen wurde, hinterlässt trotzdem eine Spur. Und eine Entscheidung, die man zurücknimmt, verändert den weiteren Weg des Bildes, auch wenn man sie später kaum noch erkennen kann. Das Vorher bleibt irgendwie dabei, auch wenn man es nicht mehr sieht.
Vielleicht habe ich deshalb heute weniger Angst davor, etwas loszulassen. Ich muss nicht mehr jede gelungene Stelle retten und festhalten. Ich kann sie verändern, übermalen oder verschwinden lassen und darauf vertrauen, dass daraus etwas Neues entstehen kann.
Am Ende bleibt auf der Leinwand ohnehin mehr, als das, was zuletzt aufgetragen wurde.
Es bleiben die Schichten, die Spuren und die Veränderungen – und manchmal auch etwas von dem, was man zwischendurch fast verloren geglaubt hat.


